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Beratungsarbeit in der Erlebnisgesellschaft
- ein Erfahrungsbericht aus der Praxis - Ab und zu werde ich hier in Zehlendorf gefragt, was die Menschen beschäftigt, die zu einer Beratung kommen. Manche fragen auch, ob es bestimmte Entwicklungen gibt, die mir auffallen, die ein Stück Zeittrend anzeigen und beachtet werden müssen. Drei Aspekte will ich an dieser Stelle nennen. Sie können auch eine Art Trend anzeigen, eine Lebenshaltung, die unsere Zeit besonders prägt. 1) Immer weniger Zeit - immer weniger Pflege der Partnerschaft
Das Paar P. habe ich vor Augen, beide Ende dreißig. Er ist Manager einer großen Firma, sie arbeitet als Lehrerin mit halber Stelle. Beide haben gemeinsam eine 7-jährige Tochter. Der Anlass für die Anmeldung zur Beratung lag darin, dass er in einem Kurzurlaub, den er mit Sportsfreunden unternahm, eine Affäre mit einer anderen Frau hatte. Seine Ehefrau hatte es, wenn ihre Ehe weiter Bestand haben solle, zur Bedingung gemacht, dass beide miteinander eine Paarberatung aufsuchen sollten. Dort solle abgeklärt werden, wie es um ihre Ehe stünde (sie war zum zweiten Mal verheiratet), und ob es noch Sinn mache, zusammen zu bleiben. Bei näherem Hinschauen stellte sich heraus, dass bereits seit Jahren die Basis der beiden lediglich nur noch aus "dünnem Eis" besteht. Haus, Kind und der "Alltagstrott" waren das einzig sie noch verbindende. Durch hohe berufliche Belastungen, ständig wechselnde Wohnsitze im In- und Ausland mit Phasen von "Wochenendehe" und somit immer weniger vorhandenen Zeit für das Paar, distanzierten sich die beiden zunehmend voneinander. Das Klima war von Vorwürfen, Verletzungen, Enttäuschungen geprägt. Beide hatten dazu beigetragen. Er war es gewohnt zu dominieren, sie passte sich mehr und mehr an. Beide waren sie unglücklich in ihren "Rollen". In der Beratung wurde analysiert, wo die verschütteten Bedürfnisse und Wünsche der beiden lagen. Auch ging es darum herauszufinden, was er bei seiner Außenbeziehung fand, was er in der Ehe vermisst hatte. Und wie dieser Vertrauensbruch und die dadurch zugefügten Verletzungen wieder verarbeitet und mühsam verkraftet werden und im besten Falle als Chance für die Ehe genutzt werden könne. Beide hatten sie noch Hoffnung für ihre Ehe. Es stellte sich aber im Beratungsprozess heraus, dass sie ganz hohe Erwartungen hatten, jeder für sich und beide im Blick aufeinander: Vieles sollte sich ändern! Aber im Alltag waren beide kaum bereit, sich einzubringen und an neuem positiven Verhalten zu arbeiten. Sie haben zwar im Laufe der Sitzungen erkannt, woher ihre Krise kam, sie waren aber - wie sich dann im Alltag zeigte-, nicht bereit, die vereinbarten und durchgesprochenen, neuen Verhaltensmuster einzuüben. Dazu hätten beide mehr ein Stück ihrer Bequemlichkeit aufgeben müssen, um die große Kluft, die inzwischen entstanden war, zu überbrücken. Fazit war, dass sich die Ehefrau entschlossen hat, sich von ihrem Mann zu trennen. Beide waren an einer friedlichen Trennungsregelung interessiert und bereit, sich einer Mediation zu unterziehen. Mehr aber war nicht mehr möglich. Hier habe ich ein Paar vorgestellt, wie es mir immer wieder begegnet in diesen Jahren. Beide Partner haben mit hohen Erwartungen begonnen, dann kam der Stress an verschiedensten Stellen, die Zeit zu echten Begegnungen wurde immer seltener; und immer wieder - leider - war da nur noch das Ende. Natürlich erlebe ich auch ein neues Aufblühen, eine echte Bereitschaft zur Veränderung, ein neues Anfangen bei vielen Paaren. Aber wenn es um Trends geht: Hier ist einer, der immer wieder kehrt. Die Leute wollen alles gleichzeitig, aber die Pflege der Partnerschaft kommt zuletzt (hohe Erwartung - geringe Investition) Und zur Beratung kommen dann viele wesentlich zu spät. 2) Unausgesprochene Erwartungen - Rückzug und Ent-Täuschung
Ein anderes Paar (beide Mitte 40) aus dem Berliner Umland. Er ist in leitender Stellung in der Computerbranche, sie ist Hausfrau, die sich vorwiegend um die Erziehung der vier Kinder kümmert. Beide sind 20 Jahre verheiratet, beide sehr engagiert in der Kirchengemeinde. Beide sind sie seit 15 Jahren immer wieder voneinander enttäuscht, verletzt, gekränkt. Jeder der beiden fühlt sich ziemlich einsam. Die Ehefrau fühlt sich dazu noch überfordert; bei der Erziehung der Kinder fühlt sie sich von ihrem Mann im Stich gelassen. Er ist ebenfalls frustriert, er vermisst ihre Zuwendung und beklagt, dass sie sich ihm sexuell entzieht. Frau X hat sich mit ihren Kindern arrangiert, er mit seinem Beruf, in dem er sehr erfolgreich ist. Die zusätzliche Herausforderung, sich um seine plötzlich pflegebedürftigen Eltern kümmern zu müssen, veranlasst das Paar, in die Beratung zu kommen. Deutlich wird, wie stark beide unter dieser jahrelangen Last ihrer Probleme gelitten haben; leer, müde, grau und völlig deprimiert wirken sie. Und die Sorge, wie es nun überhaupt noch weitergehen soll, treibt sie um. Schnell stellt sich heraus, dass weder Herr X noch seine Frau es gewohnt sind, offen und klar über ihre Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen. Sie sind der festen überzeugung (wie so viele Paare), dass doch der jeweils andere genau wissen muss, was er / sie sich wünscht. Nach so vielen Ehejahren sei das doch selbstverständlich. Leider ist es aber nicht selbstverständlich. Und so haben sich beide mehr und mehr voneinander zurückgezogen. Offene, wertschätzende Gespräche hat es kaum noch gegeben, es zu gegenseitigen Vorwürfen, anstatt offen und klar über die eigenen enttäuschten Gefühle zu sprechen. Nur sehr vage und zurückhaltend wurde angedeutet, was er oder sie sich sehnlichst wünschten. Diese und andere Defizite wurden in den Beratungsgesprächen deutlich. Jeder der beiden hatte Raum, im Paargespräch über sich und seine Enttäuschung zu sprechen. Allmählich wurden Herr und Frau X offener, eigenes Fehlverhalten zu erkennen, es als solches zu akzeptieren und neue Verhaltensmuster einzuüben. Wir können sehen: Vor Jahren schon wäre es für dieses Paar notwendig gewesen, Beratung aufzusuchen. Bisher war ihnen die Hürde zu groß, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Früher, etwas mehr Mut an dieser Stelle zu haben, hätte das jahrelange Leiden der beiden evtl. verkürzen können. Das gilt leider für sehr viele Paare! Es gibt nichts selbstverständliches in einer Beziehung. Nicht reden und statt dessen Großartiges vom Partner erwarten, kann nur schief gehen. Erst als die beiden Partner begannen, offen und deutlicher als zuvor auszusprechen, was sie so lange schon belastet und wie ihre jeweiligen Wünsche aneinander aussehen, wuchs langsam das gegenseitige Verständnis und die Wertschätzung. Auch das ist eine Art Trend unserer Zeit: Viele haben es nicht gelernt oder auch vernachlässigt, miteinander offen zu kommunizieren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zeit ist Geld, so heißt die Losung für sehr viele; dass dabei Beziehung, Liebe, Wärme verloren geht, wird vielen erst sehr spät bewusst. In diesem Falle war es Gott sei Dank nicht zu spät. 3) Familiäre Dreiecksbeziehung - das eheliche Eis wird dünn
Ein Paar im Ruhestand aus dem Norden Berlins, war zur Beratung erschienen. Die Eheleute hatten Schwierigkeiten, sich von ihrem längst erwachsenen Sohn, der immer noch in ihrem Hause wohnte, zu lösen. Die Probleme des Sohnes, die u.a. mit seinem Erwachsenwerden zu tun hatten, waren das beherrschende Thema des Paares. Durch die sog. Dreiecksbeziehung "Vater - Mutter - Sohn" war die Liebesebene des Paares selbst untergegangen, d.h. sie waren so sehr auf ihren Sohn fixiert, dass sie einander aus dem Blick verloren hatten. Entsprechend gab es auch kaum noch schöne positive Zeiten der Begegnung. In den Sitzungen ging es darum, wie das Paar es schaffen könnte, sich von ihrem Sohn abzunabeln und einander wieder neu zuzuwenden. Das war und blieb eine starke Herausforderung für dieses Paar. Es musste und sollte ihnen deutlich werden: Um Beziehungen in einer Partnerschaft weiter zu entwickeln, müssen lebensgeschichtlich notwendige Trennungen vollzogen werden, sonst kippt die Partnerschaft. -------------- Drei sog. Fälle aus der Beratungsarbeit, und alle drei sind irgendwie typisch; sie kehren immer wieder. Sie zeigen auch ein Grundproblem unserer Zeit auf: Viele Menschen meiden das rechtzeitige und angemessene Austragen von Konflikten in der Partnerschaft. Sie hoffen, dass sich ihre Probleme mit der Zeit von alleine lösen werden. Oder sie "holen" sich das, was sie in ihrer Ehe vermissen, in außerehelichen Beziehungen. Ihrer Ehe aber soll bleiben. Sie wollen alles haben, dabei aber nichts verlieren. Dass in solchen Zerreissproben für alle Beteiligten Lebensqualität verloren geht, gerade aber auch in der Ehe, wird vielen oft spät bewusst. Es ist die sog. Erlebnisgesellschaft, die hier zum Vorschein kommt und die uns überall begegnet, eben auch in der Beratungsarbeit. Es gilt: "Von nichts kommt nichts!" Natürlich gibt es immer wieder Menschen, die Veränderungsschritte für sich ablehnen, weil ihnen die damit verbundenen ängste und Anstrengungen zu gross erscheinen. Niemand wird in der Beratung gezwungen, sich zu ändern. Es ist die Entscheidung eines jeden einzelnen. Auch solche Erfahrungen gehören zum Beratungsalltag dazu. Spannend ist für mich, miterleben zu können, wie Frauen und Männer, Paare oder Einzelne, Entwicklungsschritte machen. Wie z.B. die lang verschüttete Liebesebene eines Paares wieder aufblüht und wie die Partner merken, dass es sich lohnt, an der Ehe zu arbeiten. Mein Glaube hilft mir in der Beratungsarbeit, Menschen mit Gottes Augen zu sehen und mit seiner Hilfe zu rechnen. Felicitas Bärend, 2006 |